Nes Ammim - Erfahrungsbericht
Nes Ammim – gemeinsam leben in der Krise. Ein Erfahrungsbericht
60 Sekunden geht die Sirene, die mindestens so einen erschreckenden Klang hat wie die Explosionen, die ich in den Ortschaften und Feldern um uns herum höre, Explosionen, die von Einschlägen der Katjuscha-Raketen aus dem Libanon herrühren. 60 Sekunden - dies ist die maximale Zeit, die wir hier haben, um in einen Bunker zu gelangen. Laut Anweisungen sitzen wir dort 15 Minuten, sofern nicht in der Zwischenzeit eine erneute Sirenenwarnung kommt. Und das geschieht oft.
Zum Glück ist Nes Ammim gut dran mit seiner Bunkersituation. Es gibt insgesamt fünf davon, größere und kleinere. Inzwischen ist auch jeder der Bunker gut ausgerüstet: Wasser, Kaffee, Tee, manchmal Kuchen – was der Mensch halt so braucht, um sich einigermaßen normal zu fühlen, Matratzen, Radio oder Fernsehen, um uns über die neuesten Nachrichten zu informieren. Manche haben sich eine Bunkertasche gepackt, die sie auf Schritt und Tritt begleitet.
Nes Ammim hat ein Gästehaus, das im Moment natürlich keine Gäste mehr hat. Aber ganz leer steht es nicht. Die Familie von Sara zum Beispiel, die im Gästehaus arbeitet, wohnt in einem der Appartements, ebenso deren Nachbarn. Sie haben Asyl in Nes Ammim gefunden. Hier knallt es zwar auch aus allen Richtungen, aber viel weniger als in Shlomi, woher die beiden Familien kommen. Shlomi liegt ca. 20 km nördlich von uns, direkt an der Grenze. Ora, eine eingewanderte Russin, die in der Buchhaltung von Nes Ammim arbeitet, hat ihre Schwiegermutter aus Naharija nach Nes Ammim gebracht. Eine Rakete ist direkt neben ihrem Haus eingeschlagen und nun hat sie einfach Angst. Jane, die Nes Ammims Generalmanagerin ist, wohnt inzwischen mit zweien ihrer Töchter und ihrer Hündin in einem der Nes Ammim Häuser. So sind wir eine ganz gemischte Gesellschaft, die sich zu den Alarmzeiten in unterschiedlichster Zusammensetzung in den Bunkern trifft: Nes Ammim Volontäre aus Deutschland, den Niederlanden und der Schweiz, israelische Bedienstete, “Asylsuchende”, Nes Ammim Mieter und Nes Ammim Gäste aus Holland, die eigentlich nur hier Urlaub machen wollten.
Die Nes Ammim Volontäre versuchen diese Krisenzeit ganz unterschiedlich zu managen. Jeder auf seine Art. Doch was allen hilft, ist die Gemeinschaft. Wir sitzen ja doch alle in einem Boot. Dieses Gefühl ist übrigens auch das der israelischen Araber, die genauso bedroht sind wie alle andern auch und sich solidarisch fühlen, auf der ganz menschlichen Ebene.
Wir wollen ausharren, aus Solidarität und weil es uns wichtig ist, hier zu sein, nicht nur in guten Tagen. Wir in Nes Ammim sind schließlich hier, um eine Brücke zu sein, “Zeichen der Völker” oder auch “Zeichen für die Völker”, wie der Name Nes Ammim zu übersetzen ist; eine Brücke zu sein zwischen Christen und Juden, zwischen Europäern und Israelis (den jüdischen, christlichen, drusischen, muslimischen Israelis).
Tatjana Weiss, Studienleiterin Nes Ammim, 18. Juli 2006
Nes Ammim
Communication Center
Western Galilee 25225
Israel
Tel. 00972-4-9950061/62
Fax.: 00972-4-9950067
E-Mail
Web: nesammim.com
Als einmaliges Experiment hat der internationale Moshav “Nes Ammim” im Norden Israels eine theologische und eine politische Dimension:
Zum einen stellt Nes Ammim einen neuen christlichen Ansatz dar, in dem der Dialog mit Juden nicht auf die jüdische Diasporaexistenz fixiert ist, sondern die wiedererstandene Staatlichkeit des jüdischen Volkes in Israel als Dreh- und Angelpunkt dieses Dialogs mit einbezieht. Dabei wird die Rückkehr der Juden ins Heilige Land nicht als Vorbote der christlichen Endzeiterwartung angesehen, sondern als eine eigene Größe, die im Rahmen der Beziehung Gottes zu Israel steht. Der Stellvertreterdoktrin, wonach das Christentum das wahre Israel vertrete, wird eine Absage erteilt. Folgerichtig nimmt Nes Ammim von jeglicher Judenmission Abstand. Der ehemalige Gesandte der israelischen Botschaft in Berlin, Mordechay Lewy, nannte Nse Ammim anlässlich der 40. Jahrfeier des deutschen Nes-Ammim-Vereins 2003 in Düsseldorf einen “festen Bestandteil der israelischen Gesellschaft und von großer Bedeutung für die deutsch-israelischen Beziehungen”.
Lesen Sie auch Nes Ammim, einen Beitrag unseres Vorstandsmitgliedes Mag.a Traude Litzka.