24h Jerusalem von Arte

von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 12. April 2014

ARTE hat mit dem BR eine Gemeinschaftsproduktion über Jerusalem vonSamstag bis Sonntag 24 Stunden lang ausgestrahlt: „24h Jerusalem“. Mit 70 Kamerateams, darunter 20 israelischen und 20 palästinensischen, wurden mit einem 2,4 Millionen Euro Budget insgesamt 90 Juden, Araber und Europäer interviewt und gefilmt. Dank ARTE erfährt man, dass fast alle Juden in der Stadt fromm bis ultraorthodox sind oder Uniform tragen, Palästinenser schikanieren oder mit abgerichteten Pferden niedertrampeln.

Ansonsten sind die von ARTE präsentierten jüdischen Bewohner Jerusalems um die 90 Jahre alt und Holocaustüberlebende, darunter der Fotograf David Rubinger und Ruth Bach, die mit ihrem Bruder Gabriel Schach spielt. Dass Gabriel Bach Ankläger im Prozess gegen Adolf Eichmann war, fällt bei ARTE unter den Kaffeetisch. Zum Holocaustkomplex zählt auch die rothaarige Esther Shimberg. Die 29-jährige aus Berlin arbeitet in der Gedenkstätte Jad Vaschem, betet ständig und sucht sehnsüchtig einen Ehemann.

„Normale“ Menschen scheint es nur auf der „palästinensischen“ Seite zu geben. Eine Schuldirektorin klagt, dass es in ihrem Laden nebenan nur Milch aus Israel gebe, obgleich sie doch israelische Produkte boykottiere, wohl nach dem Prinzip: „Kauft nicht bei Juden“.

Die in jedem Abschnitt hervorgehobene „Mauer“ ist zwar laut Landkarte überwiegend jenseits der Stadtgrenzen errichtet worden, erweckt bei ARTE aber den Eindruck, als stünde sie mitten in der Stadt, zumal bei jedem erwähnten Viertel betont wird, ob es in „Ost“ oder „West“ liegt.

In Silwan trifft ARTE Palästinenser, die gegen jüdische „Siedler“ hetzen und einen Wachmann rassistisch beleidigen, weil er aus Äthiopien stammt. Vermeintlich „seit Generationen“ leben die Palästinenser in jenem Viertel. Verschwiegen wird, dass Silwan vor 150 Jahren von jemenitischen Juden errichtet worden ist, die 1936 während des arabischen Aufstands vertrieben wurden. Die Eigentumsrechte sind umstritten. Die meisten ohne Baugenehmigung errichteten Häuser dort existierten vor 1967 nicht, wie man Luftaufnahmen entnehmen kann.

Im gesprochenen Kommentar erwähnt ARTE, dass es während der Zweiten Intifada in Jerusalem 137 Selbstmordattentate gegeben habe. Erst beim Spaziergang mit der Schriftstellerin Zruria Schalev, die in einem explodierten Linienbus schwer verletzt worden ist, wird klar, dass die Selbstmordattentäter wohl Japaner und nicht Palästinenser waren. Denn Schalev fiel einem „Kamikaze“-Attentat zum Opfer. So ARTE in der französischen Version, wie sie in Jerusalem im Kabelnetz empfangen werden konnte. Die anderssprachigen Versionen im Internet sind außerhalb Europas, also auch in Jerusalem, „blockiert“.

Die politische Befindlichkeit der Bewohner Jerusalems ist klar aufgeteilt.

Unter den Juden gibt es überwiegend „Extremisten“, „radikale Siedler“, „schikanierende Polizisten“ und linke Aktivisten. Ein linker Rechtsanwalt fährt bis nach Jericho, um zu zeigen, wie Israel die Beduinen benachteiligt. Dieser Ausflug hat mit Jerusalem so wenig zu tun, wie der gefilmte Empfang am Ben Gurion Flughafen eines zum orthodoxen Judentum konvertierten amerikanischen Katholiken oder das Interview mit einer deutschen Siedlerin in Schiloh, eine gute Autostunde von Jerusalem entfernt. Mehrere jüdische Aktivisten üben sich als Hausbesetzer und brechen vor laufender ARTE-Kamera in die verfallende Residenz der ehemaligen Regierungschefin Golda Meir ein. Sie wollen so die Wohnungsnot bekämpfen. Eine Aktivistin von „Peace Now“ (Frieden Jetzt) fährt zur Mauer in Abu Dis, legt sich mit einem Polizisten an und erklärt, dass die Mauer keinen Bestand habe, weil sie Menschen künstlich voneinander trenne. Dass diese 8 Meter hohe Betonmauer erst seit 10 Jahren steht und schlagartig den Terror explodierender Busse und Restaurants beendet hat, ist für die friedensbewegte Israeli kein Thema. Selbstmordattentate hält sie offenbar für völkerverbindend.

Laut ARTE gehören wohl Kibbuz Ramat Rachel und sogar das Aida Flüchtlingslager in Bethlehem, jenseits der Mauer, zu Jerusalem. Dort erkundet ein UNO-Offizier, Christoph von Toggenburg, den Beschuss eines Palästinensers durch israelische Soldaten. Die Befragung des verletzten Palästinensers ergibt „eindeutig“, dass der Soldat „absichtlich“ auf ihn geschossen habe. Für ARTE erübrigt sich jegliche Gegendarstellung, etwa eines israelischen Militärsprechers.

Wer erwartet hat, in einer 24-stündigen Dokumentation auch etwas über Sehenswürdigkeiten Jerusalems zu erfahren, wurde enttäuscht. Im Westen der Stadt gibt es nur ein einziges Museum, die Holocaust Gedenkstätte Jad Vaschem, und ansonsten den Gemüsemarkt Machaneh Jehuda. In der Altstadt treibt es den Zuschauer von einer Heiligen Städte zur nächsten, wo gebetet oder Gesang geübt wird. Die einzige von ARTE gezeigte archäologische Ausgrabung ist für das Publikum gesperrt.

Anstatt stundenlang Bäckern und Köchen über die Schulter zu schauen, hätte ARTE ein paar Minuten lang in Museen und an anderen Attraktionen innehalten können. Anstatt nur den Araber Abu Issam erzählen zu lassen, wie er 1948 aus Lifta im Westen der Stadt geflohen ist, hätte ARTE genauso einen 1948 aus dem jüdischen Viertel der Altstadt vertriebenen Juden zeigen können. Aber das hätte wohl dem von Palästinensern vorgeschriebenen Konzept widersprochen, dem sich die Produzenten aus Deutschland „freiwillig“ nach zweimaligem und 400.000 Euro teurem Boykott unterworfen haben.

Herausgekommen ist eine einseitige anti-israelische Propaganda-Show mit faktischen Fehlern, tendenziösen Kommentaren und politisch fragwürdigen Landkarten sowie offener Schleichwerbung für ein palästinensisches Hotel im Osten der Stadt.

(C) Ulrich W. Sahm

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