Erich Gumbel: Ein Pionier der Psychoanalyse in Israel

Erich Gumbel wurde 1908 in Heilbronn geboren. Vater Siegfried war ein angesehener Rechtsanwalt, „ein überzeugter Demokrat und bewusster Jude“, wie Erich sich erinnerte. Mutter Ida litt an Multipler Sklerose, für Erich ein Motiv, Medizin zu studieren.
Vom Vorbild des Vaters stark beeinflusst, begann er in Genf sowohl Rechtsmedizin wie auch römisches Recht zu studieren. Dann wechselte er für zwei Semester an die Berliner Universität, um dort ausschließlich Jura zu studieren.
Bereits zu diesem Zeitpunkt galt sein Interesse der Psychologie: Der junge Student machte eine Selbstanalyse, die ihm half, den Konflikt der Berufswahl zu lösen. Er wandte sich nun ganz der Medizin zu, setzte das Studium in Freiburg und Frankfurt/Main fort und begann mit seiner Doktorarbeit zum Thema Psychodermatologie.

Nach der nationalsozialistischen „Machtübernahme“ wurde Erichs Vater, der als Abgeordneter für die Deutsche Demokratische Partei im Stadtrat von Heilbronn saß, das Mandat entzogen. Zudem verlor Siegfried Gumbel seine Anwaltszulassung. Sohn Erich erkannte die Zeichen der Zeit und bemühte sich sein Studium und seine Dissertation zügig zu beenden. Bei seiner Tätigkeit an der Freiburger Hautklinik wurde ihm jedoch klar, dass er seine Ausbildung in Deutschland nicht abschließen könne. Gumbel entschloss sich daher, das Land am 1. April 1933, dem sogenannten Boykott-Tag zu verlassen. Nachdem er ein zusätzliches Semester an der Universität Basel absolviert hatte, legte er dort sein medizinisches Staatsexamen ab.

Gumbel wollte sich als Psychoanalytiker ausbilden lassen und suchte vergeblich in Europa nach Möglichkeiten. Schließlich entschloss er sich, nach Palästina zu gehen und dort bei Max Eitingon zu lernen. Der 1881 in Russland geborene Eitingon, ein enger Mitarbeiter Sigmund Freuds und Leiter des Berliner Psychoanalytischen Instituts, war 1933 nach Palästina emigriert und hatte in Tel Aviv die „Palästinensische Psychoanalytische Gesellschaft“ sowie in Jerusalem das „Palästina Institut für Psychoanalyse“ gegründet.

Vor allem wegen der Sorge um seine Eltern war Erich der Abschied aus Deutschland nicht leichtgefallen. Obwohl Bruder Otto gleichfalls 1933 über Frankreich nach Jerusalem auswanderte, wollte Vater Siegfried die Möglichkeit einer Emigration auf keinen Fall in Betracht ziehen, nicht zuletzt wegen seiner Stellung im „Israelitischen Oberrat Württemberg“. 1936 starb Mutter Ida. Der Vater zog daraufhin nach Stuttgart und versuchte, nunmehr als Präsident des Oberrates, die zunehmend schwierige Situation für Juden zu erleichtern.

In Jerusalem wurde Erich Gumbel von Eitingon als erster Ausbildungskandidat des Instituts angenommen. Um mehr Erfahrungen im Bereich Psychologie zu sammeln, arbeitete Gumbel zunächst im damals einzigen psychiatrischen Krankenhaus Esrat Naschim (Frauenhilfe) unter dem aus Königsberg stammenden Psychiater Dr. Heinz Hermann. Nach dessen frühem Tod übernahm Gumbel für ein Jahr die Leitung. Da er sich auch für Kinder- und Jugendpsychologie interessierte, nahm er zusätzlich an den Visiten in der Kinderabteilung des Hadassah Hospitals teil. Bald betreute Gumbel die ersten eigenen Patienten; er arbeitete hart, oft für ein sehr geringes Honorar. „Es gab viele Stunden, in denen ich fand, dass die Anforderungen weit über meine Leistungsfähigkeit hinausgingen. Trotzdem- ich fühlte mich als Pionier einer neuen Wissenschaft in einem neuen Land.“

1936 nahm Gumbel am 14. Kongress der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung in Marienbad teil. Im Anschluss besuchte er noch einmal seine Eltern. Während eines Meldetermins bei der deutschen Polizei wurde ihm nahegelegt, das Land schnellstens zu verlassen. „Ich spürte, sah, wusste, das alte Europa ist gar nicht mehr da.“

Erich Gumbel heiratete 1938 in Jerusalem Lidia Deutsch. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs mietete das Ehepaar eine größere Wohnung, um Erichs Vater aus Deutschland nach Palästina zu holen, was nicht mehr gelingen sollte. Siegfried Gumbel war nach dem Novemberpogrom von 1938 über zwei Wochen im „Schutzhaftlager“ Welzheim eingesperrt. Psychisch schwer angeschlagen kehrte er nach Stuttgart zurück und erfüllte „weiter seine Aufgaben, seinen verfolgten Glaubensgenossen in Not und Gefahr zu helfen“, so Erich Gumbel über den Vater. Ende Oktober 1941 wurde Siegfried Gumbel verhaftet und im Januar 1942 im KZ Dachau ermordet.

Bedingt durch den Zweiten Weltkrieg war das Psychoanalytische Institut in Jerusalem vom internationalen Wissenschaftsaustausch abgeschnitten. Ein schwerer Schlag für das Institut war zudem der Tod von Max Eitingon im Juli 1943. Gumbel setzte alles dran, um das Fortbestehen von Institut und Psychoanalytischer Gesellschaft im Geiste Eitingons zu gewährleisten.
Der israelische Unabhängigkeitskrieg von 1948 brachte das Institut weiter in Bedrängnis, das Gebäude wurde im Laufe der Kampfhandlungen von einer Granate getroffen. Mehrmalige Angebote, das Land zu verlassen, schlug Gumbel aus: „In mir war eine neue Identität, eine Bindung gewachsen; vielleicht war ich ein israelischer Europäer geworden.“

Neben seiner Mitgliedschaft im Vorstand des Instituts arbeitete Gumbel sowohl in einer eigenen Praxis wie auch in der angegliederten Poliklinik, hielt zahlreiche Seminare und Vorlesungen und war ab 1950 Lehr- und Kontrollanalytiker. 1953 wurde Gumbel Präsident der Psychoanalytischen Gesellschaft Israel, 1962 Direktor des nunmehr Israelischen Instituts für Psychoanalyse. Ab 1954 lehrte Gumbel auch an der Hebräischen Universität, zunächst als Externer, dann als Dozent für Psychiatrie, womit die Psychoanalyse Einzug in das Curriculum der medizinischen Fakultät hielt.

Im Sechs-Tage-Krieg leistete Gumbel psychologischen Dienst für die bedrängten und verzweifelten Menschen, „ging selbst in die Luftschutzkeller, versuchte, Angst, Unruhe, Scham und Spannung zu mildern“. Dafür erhielt er später eine militärische Auszeichnung.

Im Alter von 70 Jahren gab Gumbel seine Ämter ab, um einer jüngeren Generation Platz zu machen, führte jedoch seine Praxis weiterhin fort. In den letzten Jahren litt er an Makuladegeneration, einer Augenerkrankung, die das Sehfeld stark einschränkt und ihm das Lesen unmöglich machte. Ein schwerer Schicksalsschlag für ihn. Erich Gumbel starb 1994 im Alter von 86 Jahren.

Quellen:
Erich Gumbel: Über mein Leben mit der Psychoanalyse, in: Jahrbuch der Psychoanalyse, 34/1995.
Hans Franke: Geschichte und Schicksal der Juden in Heilbronn. Vom Mittelalter bis zu der Zeit der nationalsozialistischen Verfolgungen (1050-1945), Veröffentlichungen des Archivs der Stadt Heilbronn 11, Heilbronn 1963, Um Korrekturen ergänzte Online-Version, Heilbronn 2009/2011. http://www.stadtarchiv-heilbronn.de/publikationen/online_publikationen/_files/03-vr-11-franke-juden-in-heilbronn.pdf (15.03.2012).

Quelle: http://aerzte.erez-israel.de

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