Luftangriffe im Sinai

von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 8. August 2012

Zum ersten Mal seit 1973 (Oktober/Jom Kippur-Krieg) ist auf der entmilitarisierten Sinaihalbinsel die ägyptische Luftwaffe aktiv. Nach ägyptischen Angaben wurden mehrere Ortschaften mit „Terror-Infrastruktur“ angegriffen. Ebenso wurden Bodentruppen eingesetzt.
Auf Anfrage erklärte ein hoher israelischer Beamter, dass es eine israelische „Zustimmung“ zum Einsatz von Militärs und Kampfflugzeugen auf der Sinaihalbinsel gebe, zumal eine enge militärische Kooperation und ein Netz von Absprachen mit den Ägyptern bestünden.

Während die Ägypter bisher von „Verbrechern“ gesprochen haben, die den schweren Anschlag auf eine Stellung ägyptischer Grenzschützer ausgeführt und dabei 16 Polizisten getötet haben, wechselten offizielle Sprecher in Kairo jetzt die Bezeichnung in „Terroristen“. Bei den Angriffen auf der Sinaihalbinsel in der Nacht zum Mittwoch soll es mindestens 25 Tote gegeben haben, darunter auch ägyptische Soldaten.
Das ägyptische Innenministerium erklärte, dass Bewohner des Sinai den ägyptischen Militärs Hinweise auf Orte gegeben hätten, an denen sich die „terroristischen Aktivisten“ aufhielten.

Der Hamaspolitiker Mustafa Abu Marsuk bestätigte derweil, dass es im Gazastreifen durchaus „einige wenige Extremisten“ gebe, aber die seien „unter Kontrolle“. Abu Marsuk reagierte so auf ägyptische Vorwürfe, wonach angeblich an den Attacken auf die ägyptische Grenzstellung beteiligte Männer aus dem Gazastreifen stammten. Abu Marsuk erklärte jedoch nicht, wieso immer wieder diese Extremisten, die unter Kontrolle der Hamas stünden, vermeintlich gegen den Willen der Hamas Raketen auf Israel abschießen könnten, darunter auch während der Attacke auf die ägyptische Stellung und danach, als die Angreifer mit einem Panzerwagen auf israelisches Territorium eingedrungen waren.

In Kairo bemühe man sich weiterhin, die Leichen der Teilnehmer an der Attacke zu identifizieren. Ein Toter habe „palästinensische Gesichtszüge“ und könne deshalb weder Beduine noch Ägypter sein, hieß es in Kairo am Dienstag. Ebenso bestätigten die Ägypter, was zuvor schon die Israelis gemeldet hatten: Auf dem Sprengstoffgürtel von einem der an Ägypten übergebenen Getöteten habe das Wort „Palästina“ gestanden. Der Zustand der Leichen, die teilweise durch die Explosion ihrer umgeschnallten Sprengstoffgürtel getötet worden seien, mache eine Identifizierung „fast unmöglich“. Israelische Sprecher hatten schon vor der Übergabe der Leichen an Ägypten erklärt, dass die Sprengstoffgürtel ein Hinweis für geplante Terroranschläge von Selbstmordattentätern in Israel seien.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle rief derweil Ägypten und Israel „zu Zurückhaltung“ auf. Gleichzeitig appellierte er an „alle Seiten“, entschieden gegen Terror vorzugehen, „aber auch umsichtig zu bleiben“. Der deutsche Außenminister äußerte „große Sorge“ über die jüngsten Angriffe, ohne zu präzisieren, welche Angriffe er meinte, der Ägypter, der Israelis oder der Terroristen. Westerwelle sah darin ein „erhebliches Eskalationsrisiko“, ließ aber offen, was er meinte.

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