Papst Franziskus und Theodor Herzl

 

Überraschungen beim Papstbesuch, von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 26. Mai 2014

Papst Franciskus hat am Montag Morgen den Tempelberg besucht, von den Moslems das „erhabene Heiligtum“ genannt. Nach einem Gespräch mit dem  Mufti von Jerusalem, Scheich Husseini, streifte der Papst seine Schuhe ab, um den Felsendom zu betreten.

In einem kleinen schwarzen gepanzerten Subaru ging es weiter zur Klagemauer, der wichtigsten Heiligen Stätte des Judentums. Nach dem Verlesen von Psalmen legte der Papst einen Zettel in eine Ritze der Klagemauer. Darin bat er Gott um Frieden. Im Jahr 2000 hatte sein Vorgänger Johannes Paul II Geschichte gemacht, indem er in einem ausführlichen Brief die Juden um Vergebung für die Sünden von Mitgliedern der katholischen Kirche an den Juden gebeten hatte.

In schneller Fahrt durch menschenleere abgesperrte Jerusalemer Straßen ging es weiter zu Grab des Theodor Herzl. Der hatte die jüdische Nationalbewegung, den Zionismus, begründet und mit dem Buch „Der Judenstaat“ die Idee der Schaffung eines jüdischen Nationalstaates erdacht hatte. Vor genau 110 Jahren hatte Herzl von Papst Pius X eine schroffe und aus heutiger Sicht „politisch inkorrekte“ Abfuhr erhalten. Der Vatikan könne Herzls Anliegen nicht unterstützen, weil die Juden seit 2000 Jahren die „Gottheit Jesu verleugnen“.

Papst Franziskus ließ schweigend von zwei israelischen Kindern einen Kranz mit weißgelben Blumen auf der schwarzen Marmorplatte niederlegen. Premierminister Benjamin Netanjahu reichte dem Papst und Staatspräsident Schimon Peres Steinchen, die sie nach jüdischer Sitte auf die Grabplatte legten.

Wortlos verschwand die Delegation aus dem Blickfeld der Fernsehkameras, die jeden Schritt des Papstes in Direktübertragung in alle Welt live übertragen. Auf Bitten des israelischen Premierministers hatte der Papst spontan einem Abstecher zum Denkmal für Israels Opfer des Terrors zugestimmt.

An die nächste Station, der Holocaust Gedenkstätte Jad Vaschem, hatten die Israelis große Erwartungen geknüpft, nachdem ausgerechnet der „deutsche“ Papst Benediktus XVI dort eine von peinlichem Unwissen und Auslassungen geprägte Rede gehalten hatte.

Nach dem Entzünden der ewigen Flamme vor den im Boden des „Gedenkzeltes“ eingelassenen Namen der Vernichtungslager hat Papst Franziskus in seiner kurzen theologischen Rede weder die Nazis, noch die sechs Millionen jüdischen Opfer, noch die Rolle der Kirche in der Zeit der „Schoah“ erwähnt, wie israelische Kommentatoren vermerkten. Der Papst fragte nicht, wo Gott während des Genozids war, sondern vielmehr: „Wo war der Mensch?“ Das fragte der Papst, entsprechend dem Ruf Gottes nach dem Sündenfall des Adam. Jad Vaschem Direktor Avner Schalev äußerte sich „zufrieden“ mit der „universalen“ Ansprache des Papstes.

Zuvor hatte Schalev dem Oberhaupt der katholischen Kirche sechs Überlebende des Holocaust vorgestellt. Der argentinische Papst verbeugte sich tief vor den vier Männern und zwei Frauen und küsste jedem die Hand. Das war die einzige emotionale Geste an dieser Stätte des Gedenkens an die Grauen des Holocaust.

Diesen eher religiösen wie symbolischen Stationen des Papstes folgten bis zu seinem Rückflug nach Rom noch ein Gespräch mit den beiden Oberrabbinern, ein Empfang beim Staatspräsidenten Peres und eine Privataudienz mit dem israelischen Regierungschef.

Politisch brisant galt noch eine Messe im kleinen Kreis im Abendmahlssaal auf dem Zionsberg. Über 100 jüdische Extremisten der benachbarten Jeschiva (jüdische Hochschule) sind am Wochenende von der Polizei verhaftet worden, weil sie gedroht hatten, den Besuch des Papstes stören zu wollen. Sie hatten mehrmals offiziell dementierte Gerüchte gestreut, dass Israels Regierung beabsichtige, den heute nur als Museum verwendeten Abendmahlssaal, ein Stockwerk über dem traditionellen Grab des Königs David gelegen, an den Vatikan übergeben und für christliche Gottesdienste freigeben zu wollen.

 

(C) Ulrich W. Sahm