60 Jahre diplomatische Beziehungen Österreich-Israel

Die ÖIG stellt vor: Martin Weiss, Österreichs Botschafter in Israel

Unser Beiratsmitglied Stefan Schaden sprach mit Botschafter Martin Weiss, der Österreich seit November 2015 in Israel vertritt, über das 60-jährige Jubiläum der diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Staaten und seinen Alltag in der Küsten-Metropole Tel Aviv.

Stefan Schaden (ÖIG): Herr Botschafter, das Jubiläumsjahr 2016 ist vorbei, es gab zahlreiche Veranstaltungen und Initiativen, um gebührend zu feiern. Mit welchem Programm waren die Botschaft und das Österreichische Kulturforum Tel Aviv im Rahmen der 60-Jahr-Feierlichkeiten aktiv?

Botschafter Martin Weiss: Botschaft und Kulturforum hatten in diesem Jubiläumsjahr ein vielfältiges Kulturprogramm zu bieten. Dazu nur ein paar Beispiel: zum ersten Mal wurde in Israel eine „Österreichische Filmwoche“ mit den besten österreichischen Filmen der letzten Jahre gezeigt. Die Resonanz auf diese Filmwoche war so gut, dass diese ein fixer Bestandteil des künftigen österreichischen Kulturprogramms in Israel sein wird. Anlässlich des Israel-Besuches von Außenminister Kurz gab es einen großen Jubiläums-Empfang im Israel Museum, im Sommer wurde in einem trendigen Club in Tel Aviv eine große Party für junge Leute, das Red White Clubbing, mit der österreichischen Band „Eugene the Cat“ gefeiert. Österreich war heuer Schwerpunktland beim größten Digital-Kunst-Festival Israels, dem Print Screen Festival in Holon. Die ´Österreichischen Kulturtage´ in Tel Aviv im November 2016 stellten den würdigen Abschluss unseres heurigen Kulturprogrammes dar.

60 Jahre diplomatische Beziehungen Österreich-Israel sind geprägt von einem permanenten Auf und Ab, dafür aber auch mit großem Potential für immer engere freundschaftliche Beziehungen, die der Österreichisch-Israelischen Gesellschaft natürlich sehr am Herzen liegen. Wo stehen wir heute und was sind die Perspektiven aus österreichischer Sicht?

Das mit dem Auf und Ab ist vollkommen richtig. Zuletzt ist das ´Auf´ aber deutlich stärker: unsere bilateralen Wirtschaftszahlen wachsen von Jahr zu Jahr zweistellig, gleiches gilt für den Tourismus. Wir haben uns mit Israel auf ein ´Working Holiday Program´ geeinigt, das in Zukunft jungen Israelis und jungen ÖsterreicherInnen die Möglichkeit geben wird, im jeweils anderen Land rasch und unbürokratisch eine zeitlich begrenzte Arbeitsbewilligung zu erhalten. Das halte ich für Israel und für Österreich für sehr wichtig: denn auf diese Weise werden Wirtschaftskontakte entstehen und – was vielleicht sogar noch wichtiger ist – Freundschaften fürs Leben! Es hat in diesem Jubiläumsjahr zahlreiche hochrangige politische Besuche gegeben (Außenminister und Nationalratspräsidentin waren schon da, der Verteidigungs- und der Finanzminister kommen im November) und Österreich hat dem Ende 2016 verstorbenen Shimon Peres durch eine höchstrangige Delegation (Nationalratspräsidentin Doris Bures – in ihrer Funktion als ´acting Head of State´, Ex-Bundespräsident Heinz Fischer und Außenminister Sebastian Kurz) die letzte Ehre erwiesen. Auch der erste Israel-Besuch von ÖGB-Präsident Foglar war eine wichtiges Signal: es gibt zwischen Österreich und Israel viel zu besprechen, wir können viel voneinander lernen.

Wenn Sie als Vertreter Österreichs in Israel unterwegs sind – was erzählen Ihnen die Israelis, was interessiert sie besonders an Österreich?

Österreich hat in Israel einen sehr guten Ruf als Tourismusdestination. Ich werde sehr oft auf die Schönheit unseres Landes, die Berge, die sauberen Flüsse und Seen und natürlich auf die österreichische Kultur angesprochen. Österreich ist – wie auch Israel – ein mittelgroßes Land. Als Kulturnation hat Österreich Weltruf, auch in Israel. Das Essen, der Wein und Städte wie Wien und Salzburg tun das übrige dazu um Österreich wenn schon nicht als ´Insel der Seligen´ so doch als fast ideale Urlaubsdestination erscheinen zu lassen. Und – und das ist in Zeiten des internationalen Terrors und der Unsicherheit nicht zu missachten – Österreich gilt als ein sehr sicheres Land.

Bei der Feier zum 60-jährigen Bestehen der diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und Österreich im Palais Liechtenstein im Mai dieses Jahres erklärte Außenminister Sebastian Kurz: „Wir müssen die richtigen Lehren aus der österreichischen Vergangenheit ziehen und Israel als starker Partner zur Seite stehen.“ Die ÖIG begrüßt diese Absicht ausdrücklich angesichts der Krisen und Kriege im Nahen Osten rund um Israel herum, aber auch angesichts der einseitigen Hetze gegen Israel in der UNO, zum Beispiel im UN-Menschenrechtsrat. Wie wird diese Absicht nun mit konkreten Taten verwirklicht?

Zu einer echten und auch langfristig funktionierenden Partnerschaft gehört in erster Linie Vertrauen. Ich denke dieses Vertrauen haben wir in den vergangenen Jahren geschaffen, und zwar auf vielen politischen Ebenen. Die israelische Justizministerin hat z.B. bei unserem Nationalfeiertagsempfang in ihrer Rede gesagt, dass Sie in der Vergangenheit – obwohl ihr Mann regelmäßig in Österreich Ski fährt – ganz bewusst noch nie Österreich besucht hat. Jetzt hat sie sich aber entschlossen, einer Einladung des österreichischen Justizministers Folge zu leisten und zum ersten mal nach Österreich zu reisen. Das ist für mich ein sehr schönes Signal: zwischen unseren beiden Staaten wächst die Vertrauensbasis, auf Grund derer man dann über vieles sprechen kann. Österreich hat für die Sorgen und Bedenken Israels sowohl im bilateralen als auch im multilateralen Bereich ein offenes Ohr,

In Israel wird das iranische Regime als größte Bedrohung angesehen. Irans Führung brüstet sich mit „Tod Israel!“ und drohte erneut, israelische Städte „dem Erdboden gleichzumachen“. Der Atomdeal von 2015 hat das Nuklearprogramm nicht beseitigt, die Nuklearforschung geht weiter und wesentliche Bestimmungen haben ein Ablaufdatum. Außerdem finanziert der Iran Terrororganisationen wie Hisbollah und Hamas für den Kampf gegen Israel und veranstaltet Events zur Holocaust-Leugnung. Kann Österreich angesichts seiner historischen Verantwortung mit so einem Regime überhaupt volle und normale Beziehungen unterhalten?

Österreich unterhält mit vielen Staaten der Welt diplomatische Beziehungen, auch wenn wir z.B. was die Menschenrechte, die Pressefreiheit, die Rechte der Frau und viele andere Fragen betrifft oft ganz unterschiedlicher Auffassung sind. Offene Gesprächskanäle zu erhalten und in Kontakt zu bleiben – bei allen Auffassungsunterschieden – das halte ich für sehr wichtig. Das bedeutet aber natürlich nicht, dass man alles gut heißt und zu allem ´Ja und Amen´ sagt. Kritik ist wichtig und notwendig, und diese Kritik wird von Österreich auch ausgesprochen. Zu dem von Ihnen erwähnten Atomdeal, über den wir sehr lange diskutieren könnten, nur so viel: bei aller legitimer Kritik glaube ich doch, dass diese Vereinbarung geholfen hat eine sehr heikle Krise zu entschärfen. Wir haben durch diese Vereinbarung ein ´Mehr´ an Transparenz geschaffen und Zeit gewonnen. Und dieser Deal ist auch nicht blauäugig: er setzt nicht auf Vertrauen, sondern auf Kontrolle. Die beteiligten Staaten – die USA, Russland, Deutschland, Frankreich, China und letztlich auch die EU haben ihre Unterschrift nicht leichtfertig unter diesen Deal gesetzt.

Israel hat sich bisher gegen alle Bedrohungen seiner Nachbarn erfolgreich verteidigt, mit Ägypten und Jordanien bereits Frieden geschlossen und, mehr noch, aller Widrigkeiten zum Trotz, eine beachtliche gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Entwicklung vorzuweisen. Die Zwei-Staaten-Lösung mit den Palästinensern ist derzeit leider nicht in Sicht, wenngleich Israels Regierung betont, sich sofort und ohne Vorbedingungen mit der palästinensischen Seite zu Verhandlungen zu treffen. Angesichts der gegenwärtigen Herausforderungen in Europa, Stichwort Terror und Sicherheit: Kann Österreich etwas von der viel zitierten israelischen Resilienz lernen?

Die Entwicklung die der Staat Israel seit seiner Gründung genommen hat ist in der Tat beeindruckend: wenn man die Fotos von Tel Aviv aus dem Jahr 1948 mit dem Tel Aviv von heute vergleicht, dann reibt man sich die Augen. Ist das wirklich die gleiche Stadt? Auch die Resilienz, die Israelis an den Tag legen, ist wirklich beeindruckend. Ich bin am Tag nach einem Terroranschlag in Tel Aviv, bei dem vier unschuldige Menschen ermordet wurden, zum Sarona Markt (dem Ort des Anschlages) gegangen. Das Kaffeehaus, in dem am Tag zuvor die tödlichen Schüsse gefallen sind, war voll. Und als ich den Besitzer des Kaffees fragte, wie es denn seinen Mitarbeitern ginge, hat er zu mir gesagt: „Ich habe allen MitarbeiterInnen angeboten, sich ein paar Tage frei zu nehmen. Aber sie wollten alle kommen. Wir lassen uns von dem Terror sicher nicht unser Leben wegnehmen!“ Von dieser Haltung können wir bestimmt lernen. Sir Karl Popper hat einmal ein Buch über ´Die offene Gesellschaft und Ihre Feinde´ geschrieben. Darin kommt er zu einem Schluss: Offenheit und Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit. Dafür muss man auch bereit sein zu kämpfen. Sonst überlassen wir den Feinden unserer offenen Gesellschaft das Feld. Manchmal hat man den Eindruck, dass wir diese Lektion in Westeuropa etwas vergessen haben und jetzt durch eine wachsende Terror-Bedrohung schmerzhaft an diese Erkenntnis erinnert werden.

Herr Botschafter, Sie sind nun schon seit mehr als einem Jahr österreichischer Botschafter in Israel, auch Zeit für eine persönliche Bilanz. Haben Sie sich gut eingelebt? Konnten Sie neue Ecken Israels entdecken? Und vor allem, wo gibt es Ihrer Meinung nach den besten Humus?

Ich habe mich gemeinsam mit meiner Frau hier in Israel sehr gut eingelebt, wir fühlen uns hier sehr wohl und entdecken jeden Tag neue Ecken. Dass meine Frau inzwischen mit ihrem Hebräisch schon deutlich weiter gekommen ist als ich wurmt mich zwar etwas, aber ich mache es mir leicht und schiebe das einfach auf meinen Beruf. Wenn ich könnte wie ich wollte…..
Ihre Frage nach dem Humus ist die wohl am schwierigsten zu beantwortende Frage dieses Interviews. Der beste Humus? Darüber könnten wir noch länger diskutieren als über den Iran-Deal. Aber gut, ich wage eine Antwort: der Humus bei Abu Hassan in Jaffa ist schon wirklich sehr, sehr gut!

Sehr geehrter Herr Botschafter, vielen Dank für das interessante Gespräch und alles Gute weiterhin für Ihre Aufgaben in Israel.

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https://www.bmeia.gv.at/botschaft/tel-aviv/die-botschaft/der-botschafter.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Weiss_(Diplomat)

https://twitter.com/martinoweiss?lang=de

Mag. Martin Weiss,LL.M

Ein Kommentar

  1. Ein interessantes und gut geführtes Interview, bei dem auch heikle aktuelle Fragen angesprochen wurden! Eine ideale Ergänzung zu dem historischen Vortrag von Prof. Anton Pelinka aus gegebenem Anlass bei der Festveranstaltung der ÖIG in der Österreichischen Nationalbank.

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