Der Staat muss jüdisch sein (Rolf Steininger)

WIener Zeitung 28./29.10.2017

Die britische „Balfour-Deklaration“ bahnte den Weg für einen jüdischen Staat in Palästina. Dieses Schlüsseldokument des 20. Jahrhunderts wird am 2. November 100 Jahre alt.

Am 2. November 1917 schickte der britische Außenminister Arthur James Balfour folgenden Brief an den Präsidenten der Zionistischen Föderation in Großbritannien, Lord Lionel Walter Rothschild: Weiterlesen

Jerusalemtag (5.6.2016)

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Am 28. Ijar wird der Wiedervereinigung Jerusalems nach dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 gedacht. Nach dem israelischen Sieg über die Armeen von Ägypten, Jordanien und Syrien wurde die geteilte Stadt Jerusalem wiedervereinigt. Weiterlesen

Alexander der Grosse in Israel

Schmuck und Münzen aus Zeit von Alexander dem Großen

Wanderer haben in einer Tropfsteinhöhle im Norden Israels einen Schatz aus der Zeit von Alexander dem Großen entdeckt, darunter dekorierte Ohrringe, Ringe und anderen Schmuck sowie Münzen.

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Marko Feingold 103

Marko Feingold wird morgen (28. Mai 2016) 103. Auch wir gratulieren herzlich.

(Das Geburtsjahr wäre vom/von der geneigten Leser/in selbst auszurechnen)

Marko Feingold (re vorne) (Photo privat)
Marko Feingold (re vorne)
(Photo privat)

 

 

 

 

 

 

link, Artikel Wienerzeitung

 

Presseaussendung der ÖIG

15.02.2016 / 11:19 / POLITIK

KZ-Häftlinge als „Verbrecher“ zu bezeichnen ist ein Verbrechen

Zur Diskussion über einen Häftinge von Konzentrationslagern herabwürdigenden Artikel in der Zeitschrift ‚Aula‘

Wien (OTS) – Die österreichisch-Israelische Gesellschaft drückt ihre Solidarität mit den wenigen überlebenden Häftlingen der Konzentrationslager und ihrer Nachkommen aus und verwehrt sich gegen die pauschalierende Verunglimpfung von Überlebenden als „Landplage“ bzw. „Berufsverbrecher“. Weiterlesen

Leserbrief Die Presse Tempelberg

Presse. 10.11.2015,S.22

30DEBATTE
Falschinformation löste „Gewaltwelle“ aus
Zur Berichterstattung über den Nahost-Konflikt
Zu den häufig zu lesenden Formulierungen: „Gewaltwelle . . . entzündete sich“/„Streit um Nutzungsrechte auf dem Juden wie Muslimen gleichermaßen heiligen Tempelberg . . .“ darf ergänzend Folgendes angemerkt werden:

Der Tempelberg ist Juden und Muslimen nicht, wie suggeriert wird, gleichermaßen heilig. Beim Tempelberg resp. der Klagemauer (Western Wall) handelt es sich, auch wenn es nach (wiederholter) palästinensischer Lehrmeinung dort nie einen Tempel gab, um das wichtigste Heiligtum gläubiger Juden. Für Muslime handelt es sich nach eigenen Angaben, unbestritten um das – und das erst auch später definiert – drittheiligste „Heiligtum“ nach Mekka und Medina. Der historische (Prophet) Mohammed war auch physisch nie in Jerusalem. Weiters, um genau zu sein, entzündete sich eine Welle der Gewalt nicht so von selbst, sondern die „Gewaltwelle“ wurde durch gezielte Falschinformation zahlloser palästinensischer Politiker und Prediger über angeblich von Israel geplante geänderte Nutzungsbestimmungen bewusst in Bewegung gesetzt. Ein Streit über die Nutzung des Tempelbergs zwischen dem Staat Israel und Jordanien ist mir nicht bekannt.

Die religiöse Hoheit wurde großzügig unmittelbar nach dem Sechstagekrieg den Jordaniern im Wege des Wafq (der Religionsbehörde) kultur- und religionssensibel übertragen und seither nicht angetastet. Zum Vergleich: Auch der Zweite Weltkrieg „brach“ bekanntlich, wie oft dümmlich geschrieben wird, nicht aus oder entzündete sich (selbst), sondern wurde vom Deutschen Reich begonnen. Manchmal muss der Aggressor auch benannt werden.

Jegliche Provokation (weniger) israelischer Extremisten, wobei die Provokation im Besuch des Plateaus bestand, wurde vom Staat Israel unterbunden, während in der al-Aqsa-Moschee fast täglich zu Messerstechereien (Morden) aufgerufen wird. Mit Erfolg.
Mag. Hans-Jürgen Tempelmayr,

Beiratsmitglied Österreichisch-Israelische Gesellschaft, 1050 Wien

Jom Jeruschalajim

Jom Jeruschalajim – Jerusalemtag

Am 28. Ijar wird der Wiedervereinigung Jerusalems nach dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 gedacht. Nach dem israelischen Sieg über die Armeen von Ägypten, Jordanien und Syrien wurde die geteilte Stadt Jerusalem wiedervereinigt. Weiterlesen

Hans Rauscher im Standard zu Alois Brunner

Arabische Nationalisten sahen in den Nazis ihr großes Vorbild

Nach einer Mitteilung des Simon Wiesenthal Center in Los Angeles ist der 1912 in Österreich geborene Alois Brunner, einer der ärgsten Täter des Holocaust, schon 2009 oder 2010 in Damaskus verstorben – hochbetagt, beschützt vom Regime des syrischen Diktators Assad senior. Arabische Nationalisten sahen (und sehen teilweise noch) in den Nazis ihr großes Vorbild.

Zu Brunner gibt es eine österreichische Fußnote. Dass die österreichische Justiz bis 2007 gebraucht hat, um eine Ergreifungsprämie auf ihn auszusetzen, ist eine Sache. Eine andere ist, dass Brunner anscheinend in Kontakt mit einem Heilkräuterverein im nördlichen Waldviertel stand. Jedenfalls erreichte ihn in Damaskus von dessen Absendeadresse ein Brief, den er auch öffnete und daraufhin ziemlich schwere Verletzungen erlitt. Es wird allgemein angenommen, dass der israelische Geheimdienst Mossad der Absender der Briefbombe war.

Der Heilkräuterverein war eine Gründung des verstorbenen „Kräuterpfarrers Weidinger“, der sehr lange eine beliebte Kolumne in der Krone hatte (jetzt ordiniert dort ein anderer Kräuterpfarrer).

Der originale Kräuterpfarrer meldete in seiner Krone-Kolumne zwischen Tausendgüldenkraut und Meisterwurz mindestens einmal Zweifel an Hitlers Schuld am Zweiten Weltkrieg an, eine klassische Altnazi-Argumentation. Stand Weidinger mit Brunner in Verbindung und nutzte das der Mossad aus? (Hans Rauscher, DER STANDARD, 2.12.2014)

Rosh Hashanah 5775 – Vorabend des Do 25.09.2014

Rosh Hashana heißt „Kopf (Anfang) des Jahres“ und hat seinen Ursprung in der Torah, im Dritten Buch Moses (Kap.23).

„Der erste Tag des siebenten Monats (﴾Tischri, im Herbst)﴿ ist ein Feiertag zum Gedenken an den Klang des Schofars…“

 

Dieser Feiertag wurde erst später, nach dem babylonischen Exil, in der „Mischna“, der so genannten „mündlichen Torah“, von den damaligen Gelehrten zum Jahresanfang im Herbst erklärt, vermutlich um das Mondjahr zu etablieren. Zuvor galt das Frühjahr als Jahresanfang sowohl wegen der Landwirtschaftszyklen, jedoch insbesondere aufgrund der Befreiung aus der ägyptischen Knechtschaft, wie es im 2. Buch Moses 12,2ff heißt:

„G‘tt sagte zu Moses und Aron im Lande Ägypten: dieser Monat (﴾Nissan, im Frühjahr)﴿ sei für Euch der erste Monat des Jahres….“

In der Synagoge wird Schofar geblasen, es wird um ein gutes Neues Jahr gebetet sowie Sühne und Besserung gelobt. Rosh Hashana wird auch als „Jom Hadin“  Tag des Gerichts -‐be zeichnet.

Man wünscht seinen Mitmenschen „Shana Tova“  ein gutes Jahr. Ein schöner Brauch ist der symbolische Verzehr von Süßem, z.B. Äpfeln mit Honig und der gegenseitige Wunsch „Shana tova umetuka“  ein gutes und süßes Jahr. Einer der vielen weiteren Bräuche ist „Taschlich“ frei übersetzt: „wirf weg!“ bei dem man sich an ein fließendes Gewässer begibt und seine Sünden symbolisch in Form von Brotbröseln ins Wasser wirft.

(﴾Rosh Hashana 5775 beginnt in diesem Jahr am Abend des 24. September. Das Datum verschiebt sich alljährlich aufgrund der Synchronisierung des jüdischen Mondkalenders mit dem gregorianischen Sonnenkalender)﴿ .

 

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zum YOM HA Shoah (28.April 2014)

Photo: Joe Goldberg
Photo: Joe Goldberg

 

 

 

 

 

 

Jom Ha Shoah (auch Yom Ha Sho´a)

Gedenktag an die Opfer des Holocaust/ der Shoah. (eigentlich: „Yom Ha Shoah ve Hagevurah“ – Tag der Erinnerung an die Shoah und des Heldentums)

Ein erster öffentlicher Vorschlag einen (nicht religiösen, staatlichen) Gedenktag eigens für die Opfer der Shoah festzulegen stammte vom Knessetabgeordneten Rabbi Mordechai Nurock. Er begründete dies im Gegensatz zur Ansicht weiter Teile der Orthodoxie damit, der Shoah in ihrer Einmaligkeit zu gedenken. Als Datum wurde der Tag des Warschauer Ghettoaufstandes (19.April 1943) ins Auge gefasst, jedoch auf Rücksicht auf die Nähe, bzw. Überschneidung mit Pessach wieder verworfen.

Als Gedenktag an die Opfer der Shoah wurde von der Knesset am 21. April 1951 auf Vorschlag des Staatspräsidenten Jizchak Ben Tzwi und des Ministerpräsidenten David Ben Gurion nun der 27. Nisan des jüdischen Kalenders festgelegt und mittels eines Gesetzes 1959, welches auch den Ablauf festlegte, bestärkt.

Fällt dieser Tag auf einen Freitag oder Samstag, wird er auf den Donnerstag vorgezogen, fällt er auf einen Sonntag, wird er auf den nächstfolgenden Montag verschoben

2014 fällt dieses Datum daher auf den (Montag) 28. April des gregorianischen Kalenders.

Traditionell beginnen Gedenktage und Feiertage am Vorabend des bestimmten Datums und dauern bis zum Abend des nächsten Tages.

Am Abend des 27. April 2014 werden in Yad Vashem in Jerusalem durch Shoahüberlebende feierlich sechs Fackeln entzündet. Diese stehen symbolisch für die 6 Millionen jüdischen Opfer des Holocaust.

Der nächste Morgen beginnt mit Gedenkveranstaltungen in Yad Vashem. Um 10 Uhr heulen landesweit die Sirenen. Die Arbeit wird eingestellt, Autofahrer bleiben stehen, Busfahrer unterbrechen ihre Fahrt, Fussgänger halten ein und verharren 2 Minuten regungslos im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus.

Sämtliche Fahnen stehen auf Halbmast.

Viele öffentliche Einrichtungen in Israel sind an diesem Tage geschlossen. Im Fernsehen sind zahlreiche Dokumentationen zur Shoah und Übertragungen der Gedenkfeiern zu sehen, die Radiosender spielen Trauermusik.

Auch in Europa finden, meist in Konzentrationslagern, vor allem in Auschwitz („Marsch der Lebenden“), Gedenkveranstaltungen statt.

(tem)

Land der Zitrus-Gärten

In Ramat Rachel am Stadtrand von Jerusalem graben Archäologen einen zweieinhalb Tausend Jahre alten Garten aus, verwinkelt, mit einem Labyrinth von Zisternen und Kanälen zur Bewässerung. Von den Pflanzen in diesem Garten sind heutzutage nur noch die Pollen übrig – eingebacken in den Gips, der die Mauern festigt. Doch auch die enthalten einen Teil der DNA.

Dafna Langgut von der Tel Aviv Universität hat die Pollen analysiert. Sie stammen von Etrog, einer Art der Zitronatzitrone (Citrus medica cedra). Etrog stammt ursprünglich aus Südostasien, wurde aber in die Traditionen zum Sukkot-Fest aufgenommen. Offensichtlich wurde er schon vor 4.500 Jahren in Israel kultiviert.

Die Archäologen der Tel Aviv Universität haben auch andere in Israel nicht heimische Pflanzenarten entdeckt, persische Walnuss, Birke oder Libanon Zeder. Sie wollen den Garten nach neuesten Erkenntnissen wieder bepflanzen.

Israel21c

Anton Pelinka: ÖSTERREICH – ISRAEL

Vortrag, 1.Dezember 2013

Österreichisch-Israelische Gesellschaft

Die Beziehungen zwischen Israel und Österreich sind nicht so, wie die Beziehungen zwischen zwei annähernd gleich großen Staaten in relativ weit entfernten Regionen sein könnten. Die österreichisch-israelischen Beziehungen sind kompliziert – belastet von einer Geschichte, die höchst unterschiedlich interpretiert wird und aus der auch höchst unterschiedliche Konsequenzen gezogen werden. Die Beziehungen zwischen den beiden Staaten und, mehr noch, den beiden Gesellschaften – also den Menschen, die in den beiden Staaten leben – entsprechen nicht dem, was man einen „mainstream“ nennen könnte; einer Normalität, die zwischen Staaten herrscht, die miteinander keine unmittelbar brennenden Konflikte haben. Österreichs Beziehungen mit Neuseeland sind normal – Österreichs Beziehungen mit Israel und Israels Beziehungen mit Österreich sind in diesem Sinne nicht im „mainstream“.

Dass die Beziehungen – trotz aller diplomatischen Normalität – nicht normal sind, das hat seine guten und das hat seine schlechten Seiten. Gut ist, dass das Verbindende der Geschichte eine Verantwortlichkeit begründet, die nach langem, Jahrzehnte währendem Zögern auch von österreichischer Seite quasi offiziell akzeptiert wird.

Gut ist, dass die kulturellen Verbindungen, entstanden durch Emigration, Flucht und Vertreibung von Menschen aus Österreich weiter wirken – im Sinne kultureller, wissenschaftlicher, humanitärer, wirtschaftlicher Zusammenarbeit.

Schlecht ist, dass es einer auf den ersten Blick nicht nachvollziehbare Neigung zum Moralisieren gibt, von der die Beziehungen belastet werden. Und diese Neigung gibt es auf beiden Seiten – wenn sie auch auf der österreichischen Seite geradezu bizarre, höchst irrationale, politisch sehr unerfreuliche Aspekte angenommen hat.

Israel ist für Österreich kein normaler Staat. Israel ist der Staat, der ohne den Holocaust nicht vorstellbar wäre. Israel ist der Staat, der auch von Österreicherinnen und Österreichern mitgestaltet wurde. Dass diese auch und wesentlich vom Judenhass anderer Österreicherinnen und Österreicher vertrieben waren, begründet eine eigenartige Überreaktion von österreichischer Seite. Diese Überreaktion führt dazu, dass Israel, dass die israelische Gesellschaft und Politik an intellektuell unhaltbaren, intellektuell nicht nachvollziehbaren Maßstäben gemessen und moralisch beurteilt werden.

Wäre Israel für Österreich ein Normalstaat, dann wäre es selbstverständlich, dass konkrete Kritik an bestimmten Maßnahmen der israelischen Regierung oder an Befindlichkeiten der israelischen Gesellschaft sich nicht ständig um den Nachweis bemühen müssten, nicht von antijüdischen, antisemitischen Motiven geleitet zu sein. Und, vor allem: Wäre Israel für Österreich ein Staat wie alle anderen auch, würde dieser Staat von österreichischer Seite nicht mit einer beckmesserischen Peinlichkeit einer Kritik unterzogen werden, deren Maßstäbe für andere Staaten dieser Region, ja dieser Welt so nicht gelten.

Wäre Österreich für Israel ein Normalstaat, dann hätte die Wahl Kurt Waldheims zum Bundespräsidenten, 1986, zu keinem diplomatischen Boykott führen müssen: Was kümmert es Israel, wer Präsident von Peru ist, welche moralisch-ethischen Schwachpunkte in der Vergangenheit dieses Präsidenten existieren, die zu kritisieren wären? Wäre Österreich für Israel ein Normalstaat, dann müsste die Einbindung einer rechtsextremen und fremdenfeindlichen Partei in die Regierung nicht der Anlass für eine abermalige diplomatische Eiszeit sein – wie zwischen 2000 und 2006. Wenn in Norwegen eine solche Partei den Regierungskurs mitbestimmt, dann reagiert Israel anders als wenn dies in Österreich der Fall ist.

Und das ist natürlich erklärbar. In der Geschichte Perus ist nichts von einer Verfolgung von Juden bekannt, einer Verfolgung, die zur Zeit des spanischen Kolonialreiches über die antijüdischen Maßnahmen der spanischen Könige hinausgegangen wäre oder die zu antijüdischen Maßnahmen im nachkolonialen Peru geführt hätte. Die Verfolgung, Beraubung, Vertreibung, Vernichtung des österreichischen Judentums erklärt die besondere Sensibilität Israels in Sachen Österreich. Und Norwegen? Das Land kann sich, anders als Österreich, auch heute überzeugend als Opfer des nationalsozialistischen Deutschland sehen – eine Sichtweise, die Österreich für seine Rolle zwischen 1938 und 1945 (vertreten durch Franz Vranitzky, Thomas Klestil und andere Repräsentanten) spät, aber doch aufgab, aufzugeben hatte.

Kritik an Israel ist legitim. Israel ist, gerade wenn man sich bemüht, Israel als Normalstaat zu sehen, nicht frei von Fehlentwicklungen; Israel steht nicht über der internationalen Kritik. Aber in Österreich wird Israel an Maßstäben gemessen, die nur für Israel zu gelten scheinen. Demokratiedefizite in Israel?  Darüber kann, darüber muss gesprochen werden. Aber dann muss auch erwähnt werden, dass arabische Bürgerinnen und Bürger des Staates Israel – etwa in Nazareth – mehr demokratische Freiheiten genießen können als in fast allen anderen Staaten des arabischen Raumes. Die durchaus problematische Besatzungspolitik Israels auf der Westbank, die vor allem als Hindernis auf dem Weg zu einer Zweistaatenlösung kritisiert werden kann und wohl auch kritisiert werden soll? Aber wie steht es mit einer kritischen Betrachtung der skandalösen Menschenrechtssituation in Saudi-Arabien? Und: Gewaltsame Übergriffe israelischer Organe in den besetzten Gebieten und Militärschläge gegen den Gaza-Streifen? Bei einer kritischen Analyse wird in einer nicht zufälligen Art und Weise gerne ignoriert, dass die mit Abstand größte Zahl der Gewaltopfer im Nahen Osten Menschen arabischer Identität sind, die von Arabern getötet werden.

Der Frieden im Nahen Osten wird vor allem und zuallererst von einer mörderischen Gewalt zwischen Arabern verletzt – und das nicht erst seit dem Ausbruch des Bürgerkrieges in Syrien. Doch tote Araber werden nur zu oft erst dann zum Skandal, wenn ihr Tod Juden zugeschrieben werden kann – wie auch tote Muslime dann zum großen Thema werden, wenn die Verantwortung bei „den Amerikanern“ liegt.

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für diese intellektuell und auch moralisch skandalöse Einseitigkeit lieferte vor einigen Jahren der Wiener Gemeinderat, als er die Toten auf den für Gaza bestimmten Schiffe – deren Tod bei einer nüchtern-kritischen Betrachtung durchaus einer verfehlen israelischen Taktik zugeschrieben werden muss – zum Anlass nahm, sich weltpolitisch zu profilieren. Der Wiener Gemeinderat, zu dessen Kompetenzen die Weltpolitik ausdrücklich nicht zählt, verurteile Israel – einstimmig, mit den Stimmen aller Parteien. Als ungefähr zur selben Zeit die nordkoreanischen Streitkräfte ein südkoreanisches

Schiff versenkten und jedenfalls mehr Menschen ums Leben kam als beim Angriff auf die Schiffe vor Gaza, da dachte niemand im Wiener Gemeinderat daran, eine weltpolitische Kompetenz zu beanspruchen. Weltpolitik macht der Wiener Gemeinderat nur, wenn es um Israel geht; und zwar dann, wenn es gegen Israel geht.

Woher kommt aber die Neigung – nicht nur, aber auch von österreichischer Seite – mit einer rational zunächst nichterklärbaren Einseitigkeit die Schuld für alles und jedes immer bei Israel zu suchen? Als katholisch sozialisiertem Menschen fällt mir hier natürlich zuerst ein: „schlechtes Gewissen“. Dass auch und gerade Menschen Israel an ganz spezifischen Standards messen, die nur für den Staat der Juden gelten; Menschen, die nie daran dächten, den Holocaust zu leugnen; auch und gerade Österreicherinnen und Österreicher, die Kurt Waldheim wegen seiner zwielichtigen Rolle im Nationalsozialismus als Bundespräsidenten ablehnten; politisch Interessiere, die sich energisch und schließlich erfolgreich gegen die ursprüngliche Haltung der Zweiten Republik zur Wehr setzten, Österreich als „erstes Opfer“ von jeder Verantwortung für die Verbrechen des NS-Regimes freizusprechen – dass also hierzulande gerade Menschen, die sich für aufgeklärt und fortschrittlich, für international solidarisch halten, Boykottaufrufe unterstützen, die sich gegen Israel richten – ohne jemals daran zu denken, analoge Aufrufe gegen die Volksrepublik China oder die Vereinigten Arabischen Emirate in die Wege zu leiten: Dieser „double standard“ gibt natürlich zu denken.

Es gibt den alten, bitteren Scherz, dass „die“ Deutschen oder „die“ Österreicher „den“ Juden und speziell dem jüdischen Staat den Holocaust nie verzeihen werden. Dieser böse Scherz beinhaltet eine tiefe Einsicht: Die Schuld, die – vermeintlich – auch auf den Generationen der Nach- und der Nach-Nachgeborenen lastet, die ist zu groß. Das „Israel Bashing“, das einseitige Einschlagen auf Israel, ist eine Form des Abreagierens. Zu schwer lastet das Schuldgefühl auf so vielen, als dass sie nicht der Versuchung erlegen würden, eine irgendwie doch analoge Schuld bei denen zu suchen, die das jüdische Opfernarrativ lebendig halten.

Ist angesichts der verkrampften, der neurotischen, der irrationalen Entwicklungen im österreichisch-israelischen Verhältnis so etwas wie Optimismus möglich? Ja, unter gewissen Voraussetzungen, die vielleicht eintreten können, wenn den Nach-Nachgeborenen noch ein, zwei weitere Generationen folgen. Zu den Voraussetzungen zählt insbesondere, sich vom kollektiven Schulddenken zu befreien, vor allem dann, wenn es über Generationen vererbt wird. Schuld ist eine individuelle Kategorie. Kollektivschuld ist ein gefährlicher Nonsens, der über zwei Jahrtausende den christlich begründeten Judenhass begleitete. Schuld am Judenmord sind nicht „die Deutschen“ und nicht „die Österreicher“. Schuld hat keine Gesellschaft und auch keine ganze Generation. Eine Gesellschaft und eine Generation, die haben Verantwortung zu übernehmen.

Die Befreiung von einem kollektiven, Generationen übergreifenden Schulddenken würde auch die Neigung abbauen helfen, im Staat der Juden ein Ideal sehen zu wollen; und dann, wenn dieses Ideal, diese Perfektion nicht erreicht sind, dies als speziellen Vorwurf gegen Israel zu richten: Seht her, die Juden haben die Lektion nicht gelernt, die aus der Geschichte abzuleiten ist. Und da fließt etwas ein, was wieder einem anderen bösen Scherz gleicht: Warum sollen ausgerechnet und zuallererst die Juden in die Pflicht genommen werden, besondere Lehren aus dem Holocaust zu ziehen – warum die Juden und nicht die Radfahrer, oder – umgelegt auf unser Thema – die Österreicher oder die Europäer insgesamt?

Österreich hat eine Verantwortung: Verantwortung für die Beziehungen zu einem Staat, der nur deshalb und auch nur deshalb in diesem Raum existiert, weil der Antisemitismus die Assimilationsbereitschaft des europäischen Judentums nicht belohnt, sondern bestraft hat. Die Erfahrungen des Österreichers Theodor Herzl, der zum Zionisten wurde, weil er – am Beispiel des Dreyfus- Prozesses und anderer Fälle – die Erfahrung machen musste, dass sich der von seiner religiösen zu einer säkularen Dimension wandelnde Antisemitismus die Juden zwingt, anders zu sein; den Juden ein spezielles Anderssein aufzwingt, der sie – wie Dreyfus, der französische Offizier; wie Herzl, der österreichische Journalist – zu überwinden versucht hatten. Österreich hat, wie Europa, eine Verantwortung für das, was Jean Paul Sartre in seinem brillanten Essay beschrieben und analysiert hat: Es ist der Antisemitismus, der den Juden eine jüdische Identität jenseits ihres Religionsbekenntnisses gibt; es ist der Antisemitismus, der aus Juden eine Rasse konstruiert hat; und es ist der Antisemitismus, der zu Israel geführt hat – weil der europäische, weil der österreichische Antisemitismus zwingend einen Bedarf nach einem Fluchtland, nach einem Judenstaat hervorbringen musste.

In diesem Sinne gibt es eine europäische, gibt es eine österreichische Verantwortung für Israel. In diesem Sinne ist es aber auch falsch, ist es kontraproduktiv, auf Israel ein Perfektions- oder auch nur ein Wunschdenken zu projizieren. Israel ist grundsätzlich ein Staat wie andere auch – mit Erfolgen und Misserfolgen. Israel ist nicht perfekt – wie jede und jeder weiß, der die innerisraelischen Diskurse mitverfolgt: zwischen religiösen und säkularen, zwischen askenasischen und sephardischen Israelis, zwischen israelischen Feministinnen und israelischen Machos, ja, und auch zwischen jüdischen und arabischen Israelis. Israel ist pluralistisch und bunt und voll von Widersprüchen – Israel ist eben lebendig.

Unsinnig und gefährlich ist es, von den Nachfahren der Holocaust-Überlebenden zu erwarten, dass sie in besonderer Weise die Lehren des Menschheitsverbrechens, das Yehuda Bauer „erstmalig“ nennt – nicht einmalig, sondern erstmalig und damit wiederholbar –  dass also die Juden mehr als alle anderen beherzigen müssten, was zu beherzigen ist. Unsinnig und politisch gefährlich ist es, Israel nach Grundsätzen zu beurteilen, die nur für Israel gelten – und nicht für die anderen Staaten des Raumes auch: Gefährlich, weil dies auch als Freibrief  verstanden werden kann, ein unter europäischer, unter österreichischer Mithilfe dämonisiertes Israel die Legitimität abzusprechen. Gegen diese Dämonisierung Israels als prinzipiellen Unrechtsstaat sollte Österreichs Politik auftreten – und aufhören, sich mit antiisraelischer Beckmesserei zu beschäftigen.

Wenn ich mit einem optimistischen Ton schließen will und darf: Es besteht die Hoffnung, dass allmählich, schrittweise, in vielleicht zwei Generationen, Israel als Normalstaat wahrgenommen wird; dass die Beziehungen zwischen zwei kleinen bis mittelgroßen demokratischen Staaten sich allmählich, schrittweise einem politisch-diplomatischen „mainstream“ zuordnen lassen werden; dass das aber nicht das Ende des so lebendigen kulturellen, wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und humanitären Beziehungsgeflechts bedeutet, das sich zwischen Israel und Österreich entwickelt hat.