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Österreich und Israels Krieg gegen den Iran

--- von Prof. Dr. Rudolf Taschner, Abgeordneter zum Nationalrat und Erster Präsident der ÖIG, Wien, im März 2026 ---

 

’s ist Krieg! ’s ist Krieg! O Gottes Engel wehre,

Und rede Du darein!

’s ist leider Krieg – und ich begehre,

Nicht schuld daran zu sein!

 

Dieses tieftraurige Wort des Matthias Claudius durfte Österreich in seiner jahrhundertelangen Geschichte leider nicht immer sagen. Bitterste Kriege sind von diesem Boden ausgegangen. Sie waren, in nüchterner Klarheit ausgesprochen, „unsere Kriege“.

Wir hegen die Hoffnung, dies möge in Zukunft nie mehr der Fall sein. Nie mehr sei ein Krieg als „unser Krieg“ proklamiert. Darum bedaure ich es, wenn sich eine hochrangige österreichische Persönlichkeit vor aller Öffentlichkeit in der Tracht einer Kriegspartei präsentiert und damit gleichsam einen Krieg zueigen macht. Zugegeben, Kriege müssen zuweilen geführt werden. Doch sie sind entsetzlich, und je länger sie währen, umso schrecklicher. Sie verdienen kein besitzanzeigendes Fürwort.

Auch ein „kalter Krieg“ ist Krieg, nicht Friede. Beim Frieden wird, symbolisch gesprochen, das Kriegsbeil feierlich begraben, denn wie eine Leiche soll es verwesen. Beim kalten Krieg hingegen wird es zwar nicht geschwungen, aber es liegt drohend umher, stets griffbereit. Fälschlich meinen viele, seit 1945 sei in Europa Friede eingekehrt. Das ist falsch: Es herrschten Argwohn und Angst. Erst nach dem Fall der Berliner Mauer und des Eisernen Vorhangs zeigte sich am Horizont wie ein Traumgebilde der, wie ihn Kant mit großer Skepsis nannte, „ewige Frieden“. Ob er so umsichtig und weise verwirklicht wurde, wie es einst nach Napoleons blutigen Schlachten beim Kongress in Wien Metternich, Castlereagh, Hardenberg, Nesselrode und Talleyrand gelang, mag bezweifelt werden.

Ein mindestens ebenso bitterer kalter Krieg, der zuweilen in heiße Phasen geriet und eben jetzt gerät, belastet den Nahen Osten. Seit seiner Gründung ist Israel diesem Krieg ausgesetzt. Und er wird schwelen, so lange Staaten die Vernichtung Israels als unverzichtbares Interesse auf ihre Fahnen heften. Wenn das Regime des Iran seine Verbündeten zum Gemetzel ermutigt und wenn es selbst unbelehrbar Pläne zur Auslöschung Israels zu verwirklichen sucht, ist Krieg die Ultima Ratio, um diesem Regime das Heft des heillosen Handelns aus der Hand zu reißen.

Dieser Krieg ist kein vom restlichen Weltgeschehen isoliertes Ereignis. Er betrifft uns alle. Er betrifft auch Österreich. Offenkundig wirtschaftlich: die Versorgung mit Öl und Gas ist gefährdet, Lieferketten sind gesprengt, es drohen hohe Inflation und schmerzhafte Rezession. Doch den Blick allein darauf zu richten, ist kurzsichtig und wird der Beklemmung nicht gerecht. Zumal Österreich gut beraten ist, den Blick vom Provinziellen weg und auf fundamentale Interessen hin zu richten.

Die Interessen eines Staates ordnen sich in konzentrischen Kreisen an: Der innerste und wichtigste Kreis beinhaltet die Interessen für das Wohlergehen des Staates selbst und seiner Bürger: Ihnen Sicherheit, Freiheit und das Streben nach Glück zu vermitteln, sowie durch Wahrung und Mehrung des Wohlstands sowie durch Pflege der österreichischen Lebensart die Voraussetzungen für den demokratisch verankerten Rechtsstaat zu schaffen. Erst danach beginnt die Außenpolitik.

Der zweite Kreis betrifft bei einem kleinen Land wie Österreich die Abstimmung der eigenen Interessen mit denen der Nachbarstaaten. Schon geographisch hat Österreich viele. Doch es geht über die Geographie hinaus: So wie Portugal, zwar von einem Ozean meilenweit getrennt, historisch mit Brasilien innige nachbarschaftliche Gemeinsamkeit verbindet, ist dies, vielleicht sogar noch intensiver, bei Österreich und Israel der Fall. Im Gegensatz dazu liegen die Staaten, denen nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs Galizien und die Bukowina zugesprochen wurden, weit außerhalb des zweiten Kreises. Sie haben sich Österreich entfremdet. Die meisten Nachfahren derer aus Lemberg oder Czernowitz leben nicht mehr dort; eher findet man sie in Jerusalem oder Tel Aviv. Wie viele andere, die Österreichisches in sich tragen, deren Ahnen aus Österreich stammen, sei es aus der Millionenstadt Wien oder, zum Beispiel bei den Bewohnern von Kirijat Mattersdorf, aus einem Weiler des Burgenlands.

Der dritte und der vierte Kreis umfasst die in Europa und die global gehegten Interessen. Hierzu sei kein weiteres Wort verloren bis auf zwei Anmerkungen.

Zum dritten, den kontinentalen Kreis, gäbe es sehr viel zu sagen, aber leider wenig Ermutigendes. Es sei allein auf den von Christoph Kletzer am 20. Februar in der „Welt“ geschriebenen Essay mit dem Titel „Europas gespenstische Selbsttäuschung“ verwiesen, der - bis auf seinen letzten Absatz, dem ich heftig widerspreche - eine stimmige und brillante Analyse bietet.

Beim vierten, dem globalen Kreis, drückt sich Österreichs Engagement beispielsweise dadurch aus, dass sich unser Land um einen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen bewirbt. Wiewohl die Bedeutung der Vereinten Nationen nicht einmal mehr ein Schatten ihrer selbst ist, will Österreich dennoch auf dieser klapprig gewordenen Bühne seine Stimme im Weltkonzert zugunsten des Verlangens nach Frieden erheben.

Doch kehren wir zum zweiten, uns viel näher stehenden Kreise der unmittelbaren historischen Nachbarschaft von Österreich und Israel zurück. Dieser engen Bande war sich die österreichische Außenpolitik seit der vor ziemlich genau 70 Jahren aufgenommenen diplomatischen Beziehungen der beiden Staaten bewusst. Insbesondere der damalige Staatssekretär für auswärtige Angelegenheiten und spätere Außenminister und Bundeskanzler Kreisky. Zwar war sein öffentlich wahrgenommenes Verhältnis zu Israel bekanntlich öfters schwer getrübt, doch tatsächlich hat er, obwohl alles andere als ein Zionist, die Interessen des israelischen Staates dort subtil und wirksam unterstützt, wo es mit den Interessen Österreichs gut vereinbar war. Seine Bedeutung als weltpolitisch eminenter österreichischer Politiker wurde unter anderem in den Memoiren des amerikanischen Außenministers Kissinger hervorgehoben. Wiewohl Kissinger eine gänzlich andere Linie als Kreisky verfolgte, eine der politischen Lage wohl angemessenere, war er von Kreiskys Format und Analysekraft beeindruckt: sie seien angesichts des kleinen Landes, das er vertritt, gigantisch.

2018 bezeichnete Bundeskanzler Kurz, der bei diesem Thema einen großen historischen Feinsinn besitzt, die Sicherheit Israels als „nicht verhandelbar“ und als Teil der österreichischen Staatsräson. Israels Sicherheit wird seitdem als wesentliches Interesse Österreichs gesehen. Natürlich ist Österreich gut beraten, seine gemeinsamen Interessen mit einem Partnerstaat nur dann zur Geltung zu bringen, wenn dadurch die legitimen Interessen eines dritten Staates keinen Schaden nehmen und keine Feindschaft hervorbricht.

Wie die Vergangenheit lehrt, erlaubte diese kluge Außenpolitik Österreich trotz seiner machtpolitischen Irrelevanz, die Rolle des „ehrlichen Maklers“ auszuüben. Nicht von ungefähr war Wien zum Beispiel vor knapp zwölf Jahren Verhandlungsort zwischen den Außenministern der USA und des Iran. Man mag dies als beiläufig abtun, aber die hier erwähnten Namen Kreisky und Kurz, zu denen sich auch Vranitzky, Schüssel und weitere andere nennen lassen, verdeutlichen doch, dass politische Persönlichkeiten von Format auch in kleinen Staaten Großes zu bewirken vermögen.

Irgendwann, hoffentlich bald, werden die Raketen im Nahen Osten in den Silos bleiben, die zerstörerischen Drohnen nicht mehr schwirren, die Waffen der Soldaten nicht mehr töten. Doch dann wird erst das Kriegsbeil aus der Hand gelegt, und es verbleibt die viel schwierigere Aufgabe, es zu begraben. Österreich soll sich, insbesondere wegen seiner Verbundenheit zu Israel und seiner historischen Tradition als Vermittler, bei diesem Begräbnis einbringen. In leichter Abwandlung könnten wir so die letzte Strophe des Kriegslieds von Matthias Claudius hören:

Doch Friede schaffen, Fried' im Land' und Meere:
Das wäre Freude nun!
Österreich! Wenn's irgend möglich wäre!
Was könnt’st du Größer’s tun?

 

--- von Prof. Dr. Rudolf Taschner, Abgeordneter zum Nationalrat und Erster Präsident der ÖIG, Wien, im März 2026 ---

 

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